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Chefsache

WIP führte ein Interview mit Dr. Matthias Mohr, Geschäftsführender Gesellschafter, zum Thema HR 4.0 und der Akquise von Führungskräften heute.

Herr Dr. Mohr, die Digitalisierung hat auch das Personalwesen erreicht. Algorithmen verfassen die passende Stellenausschreibung. Soll es also vorbei sein, dass sich der gute Personaler vor allem auf sich selbst und auf sein Bauchgefühl verlässt?

Dieses Thema ist für die Suche von Top Managern auf erster Ebene noch nicht von Belang. Hier kommt es auf die persönliche Ansprache, den persönlichen Austausch und die Auswahl bezüglich der persönlichen Passform an. Hier geht es um Managementkompetenz, da spielt Digitalisierung nur eine untergeordnete Rolle

Würden Sie der These zustimmen, dass sich heute nicht mehr der Arbeitnehmer sondern vielmehr der Arbeitgeber bewirbt?

Bei der Suche von nur spärlich vorhandenen Fachkräften mag das der Fall sein. Die Ausgangslage ist hier schon fast zum Verzweifeln, so dass die Rollen teilweise vertauscht werden. Auf oberster Ebene kommt es darauf an, dass beide Seiten aufeinander zugehen und füreinander werben. Allerdings sei auch erwähnt, dass es sich heute kaum noch ein Unternehmen leisten kann, Kandidatinnen und Kandidaten das Gefühl zu geben, sie dürften sich freuen, eingeladen worden zu sein, so nach dem Motto „warum wollen Sie denn ausgerechnet zu uns?“. Das ist passé.

Früher haben sich Interessenten auf eine Stellenanzeige beworben, heute funktioniert das nicht mehr. Man muss die potenziellen Kandidaten aktiv ansprechen. Wo finden Sie Ihre?

Das Gegenteil ist für uns der Fall. Führungskräfte werden zwar auch direkt angesprochen, das Medium Anzeige funktioniert aber immer noch hervorragend. Wobei sich der größte Teil ins Internet verlagert hat. Ich persönlich besetze 90 Prozent meiner Mandate durch Anzeigen im Internet. Die reine Direktansprache wird immer mehr zum Mythos.

Management Vordenker Prof. Grant sagte vor kurzem, dass sich Beratungen vom Zwang der Konformität befreien müssen, denn die bringe selten Neues hervor. Consulting-Firmen bräuchten mehr „Widersprecher“. Finden Sie auch, dass „kreative Störenfriede“ in der Beratung wichtig sind?

Störenfriede im negativen Sinne natürlich nicht. Aber es braucht, vor allem in unserem Geschäft, souveräne Personen, die in der Lage sind, dem Kunden auch mal „Nein“ zu sagen. Dafür bezahlen sie uns. Ansonsten hätten wir etwas von einem Makler, der nur Profile herumschickt. In unserem Geschäft geht es um Menschen und nicht Produkte, deshalb ist die positiv kritische Begleitung eines Mandates oberstes Gebot.

Wie finden Sie besonders innovative Querdenker und Nonkonformisten, die frische und neue Ideen in die Organisation bringen? (zum Beispiel Lebensläufe von hinten lesen, Menschen mit vielen Ideen suchen…)

Ich mag Menschen, die über den Tellerrand schauen,reflektieren können, geistig wendig sind und ihre Ideen mit Verve vertreten. Allerdings muss es auch Hand und Fuß haben beziehungsweise umsetzbar sein. Nonkonformisten können Unternehmen sehr gut tun. Leider werden diese Menschen nicht immer akzeptiert. Es kommt immer noch vor, dass Ideengeber, kreative und, ja, auch enthusiastische Menschen einen Malus in der Industrie haben, weil man denkt, dass nur ruhige und „ausgeglichene“ Personen Tiefgang haben. Was absoluter Blödsinn ist. Viele haben einfach nur Angst, dass ihre „Behäbigkeit“ durch gewitzte Antreiber gestört wird. Offiziell wünscht man sich solche Leute zwar immer, aber in der Praxis sieht es leider manchmal anders aus.

Was hat sich in ihrer Beratertätigkeit am maßgeblichsten in den letzten Jahren verändert?

Die Verbindlichkeit, die Zuverlässigkeit und die Ehrlichkeit in der gegenseitigen Kommunikation haben nachgelassen.

Was sind die markantesten Unterschiede zwischen der Besetzung von absoluten Top-Führungskräften und den „normalen“ Stellen?

Die Besetzung von Top-Führungskräften ist für uns die Normalität. Hier kommt es darauf an, dass wir der Botschafter für beide Seiten sind, und die Ansprechpartner das auch spüren. Letztendlich geht es in unserem Job darum, beide Seiten mit der richtigen Auswahl erfolgreich zu machen.

 

INTERVIEW: SIMONE MAIER, RALF FLAIG