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„Frauen müssen sich mehr zutrauen“

Interview mit der Stuttgarter Personalberaterin Claudia Wacker über Karriere, Netzwerke und die Balance zwischen Beruf und Familie.

Claudia Wacker

  • 1965 geboren in Pforzheim.
  • 1989-1995 arbeitete die Diplompsychologin für die Bosch-Gruppe. Zu nächst absolvierte sie ein Trainee-Programm, danach war sie in einem Ge­schäftsbereich für Personalentwicklung und Weiterbildung verantwortlich.
  • Seit Oktober 1995 Beraterin bei Dr. Heimeier & Partner; neben der Suche und Auswahl von Führungskraften und Spezialisten ist sie für die Durchführung von Persönlichkeitsanalysen und Einzel-Assessments verantwortlich.
  • Hobbys: golfen und reisen
    Frauen sind heute zum Teil besser ausge­bildet als ihre männlichen Kollegen, sie ziehen ihr Studium schneller durch und schneiden besser ab. Doch in Spitzenpo­sitionen findet man sie selten. „Männer treten von Anfang an selbstbewusster auf, sagt Claudia Wacker von der Perso­nalberatung Dr. Heimeier & Partner.

Von Sabine Marquard

Frau Wacker, Frauen starten hoffnungsvoll, werden dann aber von Männern überholt. Wann gabelt sich der Weg?
Schon in den ersten Berufsjahren geht der Vorsprung der Frauen verloren. Jemand, der Karriere machen möchte, wird meist schon nach drei Jahren etwas unruhig. Wir erleben immer wieder, dass Männer hier ziel­orientierter sind und stärker den Wunsch verspüren, voranzukommen. Frauen verhar­ren länger auf einer Fachposition, in der sie Erfahrung sammeln, während Männer dann schon die erste Teamleitung übernehmen.

Was machen Männer im Berufsleben anders?
Männer treten von Anfang an selbstbewuss­ter auf; auch ihr Kommunikationsstil ist statusbewusster, das heißt rational, faktenori­entiert, sie fassen sich auch kürzer und knap­per als Frauen. Wir leben in Deutschland in einer von Männern geprägten Geschäfts­welt. Frauen wirken mit ihrer oft angepassten, netten und freundlichen Art auf ihre männlichen Kollegen und Chefs weniger professionell. Wenn es eine nach oben ge­schafft hat, hat sie sich meist dem männli­chen Kommunikationsstil angepasst.

Das ist nicht der einzige Unterschied, oder?
Nein. Entscheidend ist auch: Frauen trauen sich weniger zu als Männer. Eine Frau be­wirbt sich zum Beispiel meist nur dann auf eine Position, wenn sie den Eindruck hat, dass sie 90 Prozent der Anforderungen erfüllen kann. Männer akzeptieren eine größere Lücke zwischen Anforderung und eigenem Profil.

Etwas konkreter bitte.
Männer greifen auch dann nach einer Posi­tion, wenn sie nur einen Teil des Kompetenz­profils abdecken. Tatsache ist, dass Frauen sich nur dann bewerben, wenn sie sich in ho­hem Maße als kompetent einstufen, wäh­rend Männer bereit sind, hier mehr Risiko einzugehen und sich auch für Positionen ins Gespräch bringen, obwohl der Schuh eigent­lich noch zu groß ist.

Welche Eigenschaften hindern Frauen auf dem Weg nach oben?
Falsche Bescheidenheit und Streben nach Harmonie und Fairness. Männer sind eher Einzelkämpfer, sie wollen gerne im Mittel­punkt stehen und sind auch bereit, den Ell­bogen einzusetzen; sie sind stärker aufs ei­gene Fortkommen konzentriert als Frauen. Diese sind stärker teamorientiert und füh­len sich in Machtstrukturen eher unwohl. Frauen haben leider häufig zu wenig Karrie­rewillen, zu wenig Aufstiegsmotivation, zu wenig gesunden Egoismus und betreiben zu wenig Selbstmarketing. Dies verhindert vielfach den Weg nach oben.

Frauen verkaufen sich zu schlecht?
Ein Beispiel: In einer Vorstellungsrunde nei­gen Frauen eher dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Männer werten sich eher auf, Frauen ziehen sich eher runter. Später im Berufsleben präsentieren sie sich zu sel­ten und zu „leise". Sie sollten mehr Projekte und Sonderaufgaben übernehmen. Dann wird man auch im Unternehmen auf sie auf­merksam.

Ergreifen Frauen zu wenig ihre Chancen?
Frauen müssen sich mehr zutrauen. Der An­teil weiblicher Kandidaten für Top-Positio­nen liegt nach wie vor zwischen einem und sieben Prozent. Ins Gespräch kommen dann für solche Positionen nur selten Frauen, und eingestellt wird fast immer ein Mann. Das liegt daran, dass Frauen nicht den gewünsch­ten stromlinienförmigen bzw. konsequenten Lebenslauf mitbringen - sie haben pausiert, haben die Branche gewechselt, und das in kurzen Etappen. Es ist zu wenig Logik im Werdegang zu erkennen, und das kommt gerade bei Top-Positionen nicht gut an.

In welchen Bereichen sind Frauen besser?
Sie sind die besseren Konfliktlöser und gute Moderatoren. Sie arbeiten gern an Proble­men, sie können motivieren und zuhören. Damit prädestinieren sie sich eigentlich für Führungsaufgaben. Es gibt übrigens auch Untersuchungen, denen zufolge Unterneh­men mit einem großen Anteil an Frauen an der Spitze erfolgreicher am Markt agieren.

Wie wichtig sind weibliche Netzwerke?
Männer fördern sich gegenseitig viel stärker und nehmen auch eher Kollegen in den nächs­ten Job mit. Denken Sie an einen Chefarzt, der seine Oberärzte mitbringt. Eine Frau holt selten eine Kollegin nach. Weibliche Netz­werke sind sehr wichtig, denn ohne Beziehun­gen läuft heute im Geschäftsleben fast nichts. Typisch wiederum: Männer knüpfen Kontakte sehr viel stärker nutzenorientiert. Frauen bauen dagegen am liebsten Kontakte zu Menschen auf, die ihnen sympathisch sind, sie aber nicht unbedingt weiterbringen.

Wollen Frauen zu viel - Beruf und Familie?
Frauen sind stärker an einer Balance zwi­schen Familie und Karriere interessiert. Sie gehen zwar zunehmend nach der Geburt des ersten Kindes zurück in den Beruf. Sie küm­mern sich meist dann aber nicht mehr so ak­tiv um die Karriere wie ein Mann. Frauen übernehmen dann häufig weniger attrak­tive Aufgaben, vor allem gehen sie in Positio­nen, die zeitlich klar umrissen sind, weil sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen wollen. Das sind dann aber nicht die Karrie­rejobs. Bei einem zweiten Kind ist meist ganz Schluss mit der Karriere. Es ist immer noch so: Erfolgreiche Männer in Spitzenpo­sitionen haben bis zu vier Kinder, Frauen ha­ben keine.

Schadet Frauen eine längere Elternzeit?
Wenn eine Frau in einer schnelllebigen Branche arbeitet und karriereorientiert ist, sollte sie rasch wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren, sonst läuft sie Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Frauen müssen sich von ihrem Perfektionismus verabschieden: 100 Prozent Mutter, 100 Prozent Managerin und 100 Prozent Ehefrau - das funktioniert nicht.

Frauen und Männer verdienen trotz gleicher Arbeit noch lange nicht dasselbe. Worauf sollten Frauen bei Verhandlungen achten?
Sie sollten sich gut auf das Gespräch vorberei­ten. Männer wollen Fakten und Ergebnisse hören, also müssen Frauen das liefern. Sie sollten das Jahr über notieren, welche Aufga­ben sie erfolgreich abgeschlossen und welche Sonderleistungen sie erbracht haben und das im Gespräch klar auf den Punkt bringen. Selbstbewusstes Auftreten ist auch sehr wich­tig, direkter Blickkontakt, laut und klar spre­chen. In Vertragsverhandlungen sollten sie nicht gleich mit einem Kompromiss gehen, lieber etwas mehr fordern.

Ihr Fazit für junge Frauen?
Frauen haben die fachliche Qualifikation und gute persönliche Voraussetzungen, aber sie schöpfen häufig ihr Potenzial nicht aus. Sie sollten sich Ziele setzen, sich etwas zu­trauen, an sich glauben, Networking betrei­ben und unerschrocken Herausforderungen annehmen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.